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Über die Stadt hinaus / Wie der heutige Freistaat Thüringen entstand

Landschaft und Zugehörigkeit 1918–1994 und die verfassungsrechtliche Gegenwart

Wie der heutige Freistaat Thüringen entstand

Der heutige Freistaat ist weder ein unverändertes mittelalterliches Territorium noch die automatische Rückkehr einer alten Ordnung. Seine Entstehung umfasst Revolution, ausgehandelte Grenzen, die Zerstörung der Demokratie und einen verfassungsrechtlichen Neubeginn. Erfurts Stellung veränderte sich dabei grundlegend.

Von Einzelstaaten zum heutigen Freistaat

Zehn Wendepunkte. Die Abstände sind nicht maßstäblich; jede Station führt zur ausführlichen Erklärung im Kapitel und ihren Belegen.

Ein Land, veränderte Grenzen

Gleicher Ausschnitt · gleicher Maßstab

1920 · Land Thüringen

1920 · Land Thüringen Thüringen 1920 im gleichen geografischen Ausschnitt und Maßstab wie die heutige Karte. Kupferfarben sind größere damalige Gebiete außerhalb des heutigen Freistaats hervorgehoben, etwa Ostheim und Allstedt. Erfurt liegt außerhalb des damaligen Landes. Die heutige Grenze ist gestrichelt. Exklave Allstedt — heute Sachsen-Anhalt; Exklave Ostheim — heute Bayern. N Erfurt Weimar Altenburg Exklave Allstedt heute Sachsen-Anhalt Exklave Ostheim heute Bayern 0 25 50 km

Sieben Staaten bilden das Land mit Hauptstadt Weimar. Erfurt bleibt preußisch. Zum Land gehören auch getrennte Gebiete, etwa um Sondershausen, Allstedt und Ostheim.

1945 · Nachkriegsordnung

1945 · Nachkriegsordnung Nachkriegsland Thüringen in demselben Ausschnitt und Maßstab wie 1920 und heute. Grün markiert größere Erweiterungen gegenüber 1920. Benneckenstein liegt damals innerhalb, Artern außerhalb. Die Karte basiert auf einer Vorlage von 1949–1952 und stellt keinen tagesgenauen Stand von 1945 dar. N Weimar Altenburg Ostheim Benneckenstein damals zu Thüringen Artern damals außerhalb Raum Erfurt 1945 zu Thüringen Schmalkalden 1945 zu Thüringen 0 25 50 km

Schematische Nachkriegsdarstellung · Kartenvorlage 1949–1952

Nach der Neuordnung von 1945 gehören Erfurt, das thüringische Eichsfeld, Nordhausen und Schmalkalden zum vergrößerten Land. Benneckenstein gehört damals zu Thüringen; Artern liegt noch außerhalb. Allstedt und Ostheim sind nicht mehr Teil des Landes. Die Vorlage zeigt die Nachkriegsgrenzen von 1949–1952 und ist kein exakter Stichtagsnachweis für Ende 1945.

Heute · Freistaat Thüringen

Heute · Freistaat Thüringen Heutiges Thüringen im gleichen Ausschnitt und Maßstab wie die Karte von 1920. Grün markiert größere heute hinzugekommene Gebiete, besonders im Norden und um Erfurt. Die historische Grenze ist gestrichelt. Ostheim und Allstedt liegen heute außerhalb. Eichsfeld — thüringischer Teil · 1945; Raum Nordhausen — 1945 zu Thüringen; Raum Erfurt — 1945 zu Thüringen; Schmalkalden — 1945 zu Thüringen. N Weimar Altenburg Ostheim Eichsfeld thüringischer Teil · 1945 Raum Nordhausen 1945 zu Thüringen Raum Erfurt 1945 zu Thüringen Schmalkalden 1945 zu Thüringen 0 25 50 km

Erfurt liegt heute im Freistaat und ist seine Hauptstadt. Die frühere Exklave Ostheim liegt außerhalb des Landes, in Bayern. Die heutige Kontur ist keine unveränderte Wiederherstellung von 1920.

Hinzugekommen gegenüber 1920 Heute weggefallen (gegenüber 1920) Landesgebiet ohne Hervorhebung Gestrichelt: heute (links), 1920 (Mitte und rechts) Außerhalb des Landes
  1. 1945

    Der frühere preußische Regierungsbezirk Erfurt und der Kreis Schmalkalden kommen zu Thüringen.

  2. 1952

    Die DDR ersetzt die Landesstrukturen durch Bezirke; deren Grenzen sind keine Fortsetzung der Landesgrenze von 1920.

  3. 1990

    Die Wiedergründung beruht überwiegend auf den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl sowie den Kreisen Altenburg, Artern und Schmölln. Weitere Grenzentscheidungen folgen.

Nachkriegskontur: Aeroid · historische DDR-Kartengrundlage · CC BY-SA 4.0 . Historische Kontur ausgezogen, geografisch ausgerichtet und neu gestaltet; die Bearbeitung dieser Kontur steht ebenfalls unter CC BY-SA 4.0. CC BY-SA 4.0 . Diercke · Thüringen 1945–1990 .

Alle drei Karten nutzen denselben Ausschnitt, dieselbe Projektion und denselben Maßstab. Die historischen Vorlagen wurden näherungsweise ausgerichtet. Farbig erscheinen nur größere Unterschiede gegenüber 1920; weggefallene Gebiete werden links gegenüber heute markiert. Grenzsäume bleiben wegen Zeichen- und Generalisierungsungenauigkeiten ungefärbt: 4 km beim Vergleich 1920/heute, 8 km für die gröbere Nachkriegskontur. Kleine Grenzänderungen sind nicht ablesbar. Die mittlere Karte veranschaulicht das nach 1945 bestehende Land anhand einer Vorlage für 1949–1952; sie ist keine exakte Karte zum 31. Dezember 1945.

Kontur 1920: näherungsweise Ausrichtung anhand von fünf Stadtkoordinaten aus Wikidata (CC0).

Historische Einordnung: IEG-MAPS · 698 , [6]. Wiedergründung 1990: Thüringer Landesamt für Statistik · 10/2020 .

Kreisarchiv Landkreis Nordhausen · Archivportal Thüringen .

Kartengrundlagen: Thüringen 1920 · Master Uegly · CC0 1.0 (neu gestaltet und vereinfacht); heutige Kontur: Eurostat/GISCO, NUTS 2024, DEG, 1:10 Mio. . © EuroGeographics bezüglich der Verwaltungsgrenzen.

  1. 1918–1919

    Aus Monarchien werden Republiken

    Die Novemberrevolution beendet die Fürstenherrschaft; gewählte Volksvertretungen öffnen den Weg zum gemeinsamen Land. [1]

  2. 1. Mai 1920

    Sieben Staaten vereinigen sich

    Weimar wird Hauptstadt. Erfurt bleibt preußisch und außerhalb des neuen Thüringens. [2]

  3. 1921–1932

    Demokratie unter Druck

    Auf die republikanische Verfassung folgen politische Krisen; 1930 tritt die NSDAP in die Landesregierung ein. [3]

  4. 1933–1934

    Demokratische Selbstregierung wird zerstört

    Die nationalsozialistische Gleichschaltung nimmt den Landesinstitutionen ihre Eigenständigkeit. [4]

  5. 1945–1946

    Grenzen und Institutionen verändern sich

    Erfurt kommt zu Thüringen. Eine neue Verfassung steht unter sowjetischer Besatzung und wachsendem SED-Einfluss. [3]

  6. 1952

    Bezirke ersetzen die Landesregierung

    Die DDR zentralisiert die Verwaltung in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. [4]

  7. 1989–1990

    Die Friedliche Revolution öffnet die Landesfrage

    Bürgerschaftliches Handeln und Verhandlungen bereiten Thüringens Wiedergründung vor. [3]

  8. 3. Oktober 1990

    Ein Land des vereinten Deutschlands

    Der Einigungsvertrag begründet Thüringen als Land der Bundesrepublik. [5]

  9. 10. Januar 1991

    Erfurt wird Landeshauptstadt

    Der Landtag entscheidet die umstrittene Hauptstadtfrage zugunsten Erfurts. [6]

  10. 1993–1994

    Eine Verfassung mit Zustimmung der Bevölkerung

    Der Landtag beschließt die Verfassung am 25. Oktober 1993; ein Volksentscheid bestätigt sie am 16. Oktober 1994. [3]

Eine Region ist noch kein Staat

Über Jahrhunderte bezeichnete Thüringen eine historische und kulturelle Region, ohne dass eine Regierung das heutige Landesgebiet beherrschte. Dynastische Teilungen, kleine Fürstentümer und preußische Bezirke schufen überlagerte Zugehörigkeiten und zersplitterte Grenzen. Die Verfassungstraditionen der Einzelterritorien waren bedeutsam; ihre Ständeversammlungen waren jedoch keine modernen, von allen Erwachsenen gewählten Parlamente. Regionale Identität ist deshalb nicht mit ununterbrochener Staatlichkeit gleichzusetzen. 1

Die Entstehung des heutigen Landes erschließt sich über konkrete institutionelle Brüche. Der regionale Überblick stellt Wartburg und Weimar vor; dieses Kapitel verfolgt die politischen Entscheidungen zur Staatsbildung.

1918–1919: Von Monarchien zu Republiken

Die Novemberrevolution 1918 beendete die Herrschaft der thüringischen Fürsten. Wahlen von 1919 gaben den Nachfolgestaaten neue Volksvertretungen. Ein gemeinsames Thüringen war eine mögliche Antwort auf die Zersplitterung, kein geografisch vorbestimmtes Ergebnis. Die Verhandlungen mussten Verwaltungen, Finanzen und politische Interessen zusammenführen. 1

Der Begriff Freistaat gehört zu diesem republikanischen Bruch mit der Monarchie. Er begründet keine größere Souveränität gegenüber anderen Bundesländern. Der heutige Name erinnert an demokratische Traditionen und bezeichnet keine besondere Kategorie der Bundeszugehörigkeit. 1 7

1920: Sieben Staaten vereinigen sich, Erfurt bleibt außerhalb

Die sieben Gründungsstaaten waren Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und der Volksstaat Reuß. In Letzterem waren die beiden früheren reußischen Fürstentümer bereits vereinigt. Der Zusammenschluss trat am 1. Mai 1920 in Kraft. Hauptstadt wurde Weimar. Coburg schloss sich stattdessen Bayern an; Preußen gab seine thüringischen Gebiete nicht ab. Erfurt blieb deshalb außerhalb des neuen Landes. 1 2

Für Erfurts Geschichte ist das entscheidend: Eine kulturell thüringische Stadt konnte rechtlich preußisch sein. Das Land von 1920 war territorial nicht mit dem 1990 gebildeten Bundesland identisch.

1921–1932: Ein demokratischer Anfang unter Druck

Die Verfassung vom 11. März 1921 ordnete die neue Republik. Regeln allein garantierten jedoch weder stabile Mehrheiten noch die Anerkennung parlamentarischer Regierung. Die historische Darstellung des Landtags beschreibt häufige Regierungskrisen und Neuwahlen. Im Januar 1930 trat die NSDAP hier erstmals in eine deutsche Landesregierung ein; 1932 bildete sie eine Regierung unter Fritz Sauckel. 3

Die Zerstörung der Demokratie hatte damit eine regionale Vorgeschichte vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Sie lässt sich nicht auf einen 1933 aus Berlin eintreffenden Verwaltungswechsel reduzieren.

1933–1934: Institutionen ohne Selbstregierung

Die nationalsozialistische Gleichschaltung zerstörte parlamentarische Demokratie und föderale Eigenständigkeit. Ein fortbestehender Landesname bedeutete keine fortbestehende demokratische Verantwortlichkeit. Die Geschichte des Verfassungsgerichtshofs unterscheidet zwischen Institutionen auf dem Papier und dem Verlust ihrer tatsächlichen verfassungsmäßigen Funktionen. 4

Krieg und Diktatur verfolgt Verfolgung und Verantwortung in Erfurt. Hier geht es darum, wie eine regionale demokratische Ordnung ihres Inhalts beraubt wurde.

1945–1946: Ein größeres Land, eine eingeschränkte Verfassung

Nach dem Krieg kamen der frühere preußische Regierungsbezirk Erfurt und der Kreis Schmalkalden zu Thüringen. Dadurch wurde Erfurt Teil des Landes und dessen territoriale Grundlage verändert. Es war eine Neuordnung der Nachkriegszeit, keine verspätete Umsetzung des Zusammenschlusses von 1920. 3

Im Dezember 1946 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Sowjetische Besatzung und wachsende SED-Macht begrenzten den politischen Pluralismus. Grundrechte in einem Verfassungsdokument müssen deshalb zusammen mit den tatsächlichen Arbeitsbedingungen der Institutionen betrachtet werden. 4

1952: Bezirke ersetzen handlungsfähige Länder

Die Zentralisierung der DDR ersetzte 1952 funktionsfähige Landesstrukturen durch die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl. Regionale Identität bestand ohne föderale Landesregierung fort. Eine Bezirksverwaltung gehörte zu einem zentral organisierten politischen System und war nicht mit der Regierung eines Bundeslandes gleichzusetzen. 4

DDR und Stasi zeigt die Folgen anhand von Überwachung, Haft und den Menschen, die der Diktatur entgegentraten.

1989–1990: Bürger öffnen die Landesfrage neu

Die Friedliche Revolution beendete das SED-Monopol und ermöglichte wieder demokratische regionale Institutionen. Am 15. Mai 1990 trat in Erfurt der Politisch beratende Ausschuss zur Bildung des Landes Thüringen zusammen. Er bearbeitete Verwaltung, territoriale Gliederung und Verfassung. Die Volkskammer verabschiedete am 22. Juli 1990 das Ländereinführungsgesetz. 3

Das neue Land beruhte überwiegend auf den drei DDR-Bezirken, ergänzt um weitere Grenzentscheidungen. Der Historiker Steffen Raßloff erläutert die Einbeziehung von Artern, Altenburg und Schmölln sowie widersprüchliche örtliche Präferenzen. Grenzen wurden ausgehandelt, nicht einfach von 1920 übernommen oder durch überall zustimmende Bürgerentscheide bestimmt. 6

3. Oktober 1990: Ein Bundesland Deutschlands

Artikel 1 des Einigungsvertrags bestimmt, dass Thüringen und die weiteren genannten ostdeutschen Länder am 3. Oktober 1990 Länder der Bundesrepublik wurden. Dieses Rechtsdatum unterscheidet sich vom vorbereitenden Gesetz im Juli und der späteren Landesverfassung. 5

Am 14. Oktober folgte die erste Landtagswahl nach der Einheit. Der Landtag konstituierte sich am 25. Oktober 1990 in Weimar; eine Vorläufige Landessatzung bildete einen ersten Ordnungsrahmen. Parlament, Regierung und Verwaltung aufzubauen ging weit über die Einheitsfeier hinaus. 3

1991: Warum Erfurt Hauptstadt wurde

Die Hauptstadtfrage blieb umstritten, besonders zwischen Erfurt und Weimar. Am 10. Januar 1991 entschied sich der Landtag für Erfurt als Parlamentssitz und Landeshauptstadt. Damit verband sich Erfurts zentrale Stellung mit einer neuen demokratischen institutionellen Rolle. Es war keine automatische Wiederherstellung der Hauptstadt von 1920: Diese war Weimar gewesen. 6

1993–1994: Eine Verfassung erhält demokratische Zustimmung

Fraktionsentwürfe, fachliche Beratung und öffentliche Diskussion gingen der Verfassung voraus. Der Landtag verabschiedete sie am 25. Oktober 1993 auf der Wartburg. Ein Volksentscheid bestätigte sie am 16. Oktober 1994 mit 70,13 Prozent. Parlamentarische Verabschiedung und Bestätigung durch die Bevölkerung sind verschiedene Schritte der Verfassungsgründung. 3

Artikel 44 bezeichnet Thüringen als Land Deutschlands und als demokratischen, sozialen, dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verpflichteten Rechtsstaat; er nennt Erfurt als Hauptstadt. Artikel 45 und 47 beschreiben Volkssouveränität und Gewaltenteilung. Der Rechtstext belegt die Verfassungsordnung, garantiert aber nicht, dass politische Praxis niemals von ihr abweicht. 7

Was der heutige Freistaat erbt

Drei Daten beantworten unterschiedliche Fragen: 1920 steht für den ersten republikanischen Zusammenschluss, 1990 für das heutige Bundesland und 1993–1994 für seine Verfassungsgründung. Regionale Erinnerung verbindet sich mit Brüchen bei Territorium, Herrschaft und Institutionen.

Quellenstand ist der 15. Oktober 2026. Historische Forschung, institutionelle Darstellungen und originale Verfassungsdokumente werden unterschieden. Ältere Gründungsdokumente verlieren durch ihr Erscheinungsjahr nicht ihren Belegwert. Eine viel größere Zeitskala eröffnet die geologische Entstehung des Thüringer Waldes.

Den Belegen folgen

Quellen und weiterführende Literatur

Die nummerierten Verweise verbinden den Text mit seinen Quellen. Quellentitel sind übersetzte Beschreibungen; die verlinkten Dokumente behalten ihre Originalsprache.

  1. 1.
    Revolution und Landesgründung Thüringens 1920

    Steffen Raßloff · erfurt-web.de · Deutsch

  2. 2.
  3. 3.
  4. 4.
    Geschichte der Verfassungsgerichtsbarkeit in Thüringen

    Thüringer Verfassungsgerichtshof · Deutsch

  5. 5.
    Einigungsvertrag, Artikel 1: Länder (1990)

    Gesetze im Internet · Deutsch

  6. 6.
    Der Freistaat Thüringen 1990–1993 (historische Studie, PDF)

    Steffen Raßloff · Landeszentrale für politische Bildung Thüringen · Deutsch

  7. 7.

Quellenprüfung: . Dieses Kapitel entstand mit KI-Unterstützung. Historische Deutungen bleiben korrigierbar; belegte Korrekturen bitte an [email protected].