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Über die Stadt hinaus / Wie der Thüringer Wald geologisch entstand

Landschaft und Zugehörigkeit Erdgeschichte · etwa 300 Millionen Jahre bis heute

Wie der Thüringer Wald geologisch entstand

Die Gesteine sind älter als das sichtbare Gebirge. Auf alte Erdkruste, Vulkanausbrüche und Sedimentbecken folgten Überdeckung, erneute Bewegungen an Störungen und Abtragung. Wer den Thüringer Wald verstehen will, muss diese geologischen Uhren auseinanderhalten.

Alte Gesteine, eine viel jüngere Gebirgslandschaft

Von der Erdgeschichte bis heute. Die Abstände sind nicht maßstäblich; Phasen können sich überlagern. Die Altersangaben beziehen sich auf die beschriebenen Vorgänge, nicht auf das gesamte heutige Gebirge.

Drei Prozesse formen eine Landschaft

Vulkanismus

Vulkanismus Schematischer Querschnitt: Magma steigt durch die Erdkruste zu einem ausbrechenden Vulkan auf.

Vor etwa 300–296 Millionen Jahren

Magma steigt auf und tritt als Lava und Asche aus. Vulkanische Gesteine entstehen im damaligen Becken.

Hebung

Hebung Schematischer Querschnitt: Ein Gesteinsblock liegt zwischen zwei Störungen höher als die benachbarten Schollen. Pfeile zeigen seine Hebung.

Vor etwa 90–70 Millionen Jahren

Bewegungen an Störungen heben eine Gesteinsscholle gegenüber ihrer Umgebung. Spätere regionale Hebung überlagert diese Phase.

Abtragung

Abtragung Schematischer Querschnitt: Eine gestrichelte Linie zeigt eine frühere höhere Oberfläche. Wasser schneidet ein Tal ein und transportiert abgetragenes Material hangabwärts.

Seit der Hebung bis heute

Wasser und Verwitterung tragen Gestein ab. Täler entstehen, tiefere Gesteine werden freigelegt und Material wird abtransportiert.

Vereinfachte Querschnitte, nicht maßstäblich. Zwischen Vulkanismus und Hebung wurden die älteren Gesteine von jüngeren Sedimenten überdeckt; diese lange Zwischenphase ist hier ausgelassen. Der heutige Thüringer Wald ist kein aktiver Vulkan. Grundlagen der Darstellung: [1], [2], [5].
  1. Spätes Erdaltertum

    Das variszische Fundament

    Kontinentkollisionen verformen und verwandeln Gesteine; Magmen erstarren in der Erdkruste. Das sind ältere Grundlagen, nicht der heutige Kamm. [1]

  2. Vor etwa 300–296 Millionen Jahren

    Vulkanismus im Sedimentbecken

    Datierte Vulkanformationen belegen Ausbrüche, während Flüsse und Seen Sedimente im Thüringer-Wald-Becken ablagern. [2]

  3. Vor 294,1 ± 0,4 Millionen Jahren

    Bromackers fossiles Ökosystem

    Ein 2026 veröffentlichtes Zirkon-U-Pb-Alter datiert die Fundstelle. Es gilt für eine bestimmte Lage, nicht für den gesamten Wald. [3]

  4. Späteres Perm und Trias

    Jüngere Sedimente überdecken alte Gesteine

    Zechstein- und Triasablagerungen dokumentieren wechselnde Meeres- und Festlandsbedingungen. [1]

  5. Vor etwa 90–70 Millionen Jahren

    Störungsbegrenzte Schollen heben sich

    Erneute Bewegungen an älteren Strukturen heben Grundgebirgsschollen, darunter den Thüringer Wald. [5]

  6. Vor etwa 75–55 Millionen Jahren

    Regionale Hebung überlagert sich

    Thermochronologie zeigt ein jüngeres regionales Hebungsmuster. Beide Phasen überlappen sich, statt einfach aufeinander zu folgen. [5]

  7. Seit der Hebung · bis heute

    Abtragung formt die sichtbare Landschaft

    Verwitterung und Flüsse legen verschüttete Gesteine frei und schneiden Täler ein; Kaltzeitprozesse verändern die Hänge weiter. [1]

Drei Landschaften, unterschiedliche Begriffe

Thüringer Wald, Thüringer Becken und Thüringer Schiefergebirge gehören zu einer zusammenhängenden Region, sind aber keine austauschbaren geologischen Einheiten. Der nordwest–südöstliche Gebirgszug legt ältere Gesteine neben jüngeren Sedimentfolgen frei. Weiter südöstlich zeigt das Schiefergebirge eine andere Verteilung gefalteter älterer Gesteine. Die politischen Grenzen Thüringens sind wesentlich jünger als diese Strukturen. 1

Ein bewaldeter Höhenzug ist zudem keine Gesteinseinheit: Vegetation, historische Landnutzung und Geologie beschreiben unterschiedliche Eigenschaften eines Orts.

Das variszische Erbe unter der Landschaft

Im späten Erdaltertum vereinigten Kontinentkollisionen das variszische Gebirgssystem im entstehenden Großkontinent Pangäa. Gesteine wurden verformt, umgewandelt oder von Magma durchdrungen. Der Ruhla-Brotteröder Kristallinkomplex bewahrt Teile dieses Grundgebirges: Gneise und andere metamorphe Gesteine treten neben Tiefengesteinen wie Granit auf. 1

Diese alten Gebirge wurden abgetragen. Das bedeutet nicht, dass der heutige bewaldete Kamm seit 300 Millionen Jahren unverändert besteht. Grundgebirgsbildung, Ablagerung jüngerer Gesteine und Entstehung des heutigen Reliefs sind unterschiedliche Vorgänge.

Ein Becken füllt sich mit Schutt, Flüssen und Seen

Mit dem Wandel des spätvariszischen Systems nahmen störungsgesteuerte Becken Sedimente und vulkanisches Material auf. Im Thüringer-Wald-Becken lieferte Erosion Material für Konglomerate, Sandsteine und Tonsteine. Flüsse, Überschwemmungsebenen und Seen zeichneten wechselnde Lebensräume auf. Die Folge umfasst traditionell als Rotliegend zusammengefasste Ablagerungen. Dieser regionale Gesteinsbegriff bezeichnet kein einziges präzises Zahlenalter. 2

Rote Farbe allein belegt keine Wüste. Die Oxidation von Eisen trägt zur Rotfärbung bei; Sedimentstrukturen und Fossilien helfen jedoch, Flussrinnen, zeitweise trockene Ebenen und unterschiedlich dauerhafte Gewässer zu unterscheiden. Eine Studie von 2026 über Bromacker-Conchostraken, kleine zweiklappige Krebstiere, ergänzt die Belege für Süßwasserlebensräume in dieser kontinentalen Umgebung. 4

Vulkanismus mit Zirkonen datieren

Vulkanische Gesteine bilden einen bedeutenden Teil der Folge, darunter kieselsäurereiche Vulkanite im Umfeld des Inselsbergs. Magma, das die Oberfläche erreicht oder in der Tiefe erstarrt, bildet verschiedene Gesteinstypen. Vulkanisches Gestein macht den heutigen Berg nicht zum aktiven Vulkan. 1

Die begutachtete Studie von Lützner und Kollegen erschien 2020 online und im Zeitschriftenband von 2021. Sie nutzte hochpräzise Uran-Blei-Datierungen von Zirkonkristallen. Die untersuchten Formationen reichen ungefähr von 300 bis 296 Millionen Jahren. Das begrenzt eine bestimmte vulkanische Abfolge, nicht das Alter aller Gesteine oder Landschaftsformen. 2

Bromacker: Eine wichtige Alterskorrektur von 2026

Die Fundstelle Bromacker bei Tambach-Dietharz bewahrt frühe Landwirbeltier-Ökosysteme in der Tambach-Formation. Ältere Alterseinstufungen beruhten stark auf Fossilvergleichen. Marchetti und Kollegen veröffentlichten in Gondwana Research (2026) erstmals ein hochpräzises radioisotopisches Alter der Fundstelle: 294,1 ± 0,4 Millionen Jahre, bestimmt mit Zirkon-U-Pb-CA-ID-TIMS. 3

Ein weiterer Fachartikel von Pint, Scholze und Frenzel aus dem Jahr 2026 behandelt diese Chronologie und die Conchostrakenfauna. Das zeigt, weshalb eine ältere Zuordnung zum Artinskium nach einer neuen radiometrischen Datierung nicht unbesehen wiederholt werden sollte. Die Unsicherheit gehört zur Zahl. Die datierte Lage bezeichnet nicht den Zeitpunkt, an dem der ganze heutige Wald entstand. 4

Die Tiere lebten lange vor den ersten Dinosauriern. Das Forschungsprojekt des Museums für Naturkunde verbindet Ausgrabungen, Bohrkerne, Laborarbeit und Vermittlung, statt sich auf ein einzelnes spektakuläres Fossil zu beschränken. 6

Überdeckung durch jüngere Sedimente

Spätere Ablagerungen überdeckten Teile der älteren Landschaft. Zechsteingesteine und die Triaseinheiten Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper prägen die Umgebung. Meeres- und Festlandsbedingungen wechselten; die Trias war kein einziges durchgehendes Meer. Heutige Aufschlüsse zeigen ursprüngliche Ablagerungen ebenso wie das, was spätere Abtragung entfernte oder bewahrte. 1

Deshalb können geologische Karten alte Vulkanite oder kristalline Gesteine unmittelbar neben jüngeren Sedimentgebieten zeigen. Der Gegensatz dokumentiert Überdeckung und erneute Freilegung, keine gleichzeitige Entstehung aller sichtbaren Oberflächen.

Die viel jüngere Hebung begrenzter Gesteinsschollen

Kompression aktivierte alte Strukturen erneut und hob Schollen gegenüber ihrer Umgebung. Die 2021 in Solid Earth erschienene Studie von von Eynatten und Kollegen unterscheidet anhand regionaler Niedrigtemperatur-Thermochronologie die vorwiegend 90–70 Millionen Jahre alte störungsbezogene Hebung von Grundgebirgsschollen einschließlich des Thüringer Waldes von einem etwas jüngeren regionalen Hebungsmuster um 75–55 Millionen Jahre. 5

Die Autoren diskutieren neben Krustenverformung einen wahrscheinlichen Beitrag tieferer Mantelprozesse zur großräumigen Hebung. „Die Alpen haben den Wald hochgedrückt“ ist deshalb als vollständige Erklärung zu einfach. Es handelt sich um rekonstruierte Vorgänge mit überlappenden Phasen, nicht um ein einziges scharf datiertes Ereignis.

Abtragung legt Gesteine frei und formt Täler

Hebung und Abtragung wirken zusammen. Flüsse und Verwitterung entfernen Material und legen früher verschüttete Gesteine frei. Quartäre Kaltzeitprozesse veränderten Hänge und Talablagerungen weiter. Die heutige Landschaft entsteht fortlaufend durch Gesteinswiderstand, Klüfte, Wasser und Klima. Das Gesteinsalter datiert nicht unmittelbar ein darin eingeschnittenes Tal. 1 5

Thermochronologische Modelle können Kilometer entfernter Überdeckung abschätzen. Diese Werte sind weder heutige Berghöhen noch unverändert auf jeden Aussichtspunkt übertragbar. Sie hängen von Proben, thermischen Annahmen und geologischem Bau ab. 5

Belege und ihre Grenzen lesen

Beleg Was er erschließt Was er allein nicht bestimmt
Zirkon-U-Pb-Alter Kristallisationsalter datierten vulkanischen Materials Das Alter eines gesamten heutigen Gebirges
Fossilien und Sedimentstrukturen Organismen, Lebensräume und zeitliche Vergleiche Ein eindeutiges Zahlenalter ohne weitere Datierung
Apatit-Thermochronologie Abkühlung und modellierte Freilegungsgeschichte Eine direkte Messung früherer Geländehöhen
Geologische Kartierung Gesteinsverteilung und Strukturbeziehungen Jede fehlende Etappe der Überlieferung

Quellenstand ist der 15. Oktober 2026, einschließlich der Bromacker-Ergebnisse von 2026. Forschungsalter und Unsicherheiten bleiben erkennbar, statt zu einer zeitlosen Ursprungsgeschichte geglättet zu werden. Zurück zum Thüringen-Überblick oder weiter zur ganz anders gelagerten lokalen Waldgeschichte des Steigerwalds.

Den Belegen folgen

Quellen und weiterführende Literatur

Die nummerierten Verweise verbinden den Text mit seinen Quellen. Quellentitel sind übersetzte Beschreibungen; die verlinkten Dokumente behalten ihre Originalsprache.

  1. 1.
    Regionale Geologie: Grundgebirge, Rotliegend und jüngere Deckschichten

    UNESCO Global Geopark Thüringen Inselsberg – Drei Gleichen · Englisch

  2. 2.
    U-Pb-Datierung des Thüringer-Wald-Vulkanismus (2021)

    Lützner, Tichomirowa, Käßner & Gaupp · International Journal of Earth Sciences 110, 377–398 · DOI: 10.1007/s00531-020-01957-y · Englisch

  3. 3.
    Erstes hochpräzises radioisotopisches Alter der permischen Bromacker-Fundstelle (2026)

    Marchetti et al. · Gondwana Research 155, 283–299 · DOI: 10.1016/j.gr.2026.02.005 · Englisch

  4. 4.
    Unterpermische Conchostraken vom Bromacker (2026, frei zugänglich)

    Pint, Scholze & Frenzel · PalZ · DOI: 10.1007/s12542-026-00778-9 · Englisch

  5. 5.
    Exhumierung in Mitteleuropa von der Oberkreide bis ins Paläogen (2021)

    von Eynatten, Kley, Dunkl, Hoffmann & Simon · Solid Earth 12, 935–958 · DOI: 10.5194/se-12-935-2021 · Englisch

  6. 6.
    BROMACKER: Forschung und Wissenschaftskommunikation

    Museum für Naturkunde Berlin · Deutsch

Quellenprüfung: . Dieses Kapitel entstand mit KI-Unterstützung. Historische Deutungen bleiben korrigierbar; belegte Korrekturen bitte an [email protected].